Jeder zehnte Arzt steigt frühzeitig aus

Der Anteil der nicht mehr kurativ am Patienten tätigen Ärztinnen und Ärzte liegt zwischen 8,4 und 12,9 Prozent.

Dies bedeutet, dass etwa 80 der rund 800 pro Jahr ausgebildeten Ärzte im Laufe ihrer Berufslaufbahn die kurative Tätigkeit am Patienten aufgeben. Dies hat eine vom Verband der Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte VSAO und von der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH in Auftrag gegebene Studie ergeben. Die Gründe überraschen nicht: Am häufigsten führen das Arbeitspensum, die Arbeitszeiten und die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf zum Ausstieg. Um dies zu vermeiden, müssen aus Sicht der FMH und des VSAO zeitgemässe Arbeitsbedingungen geschaffen und die administrative Belastung reduziert werden.Im Hinblick auf den zunehmenden Ärztemangel ist möglichst zu vermeiden, dass Ärztinnen und Ärzte ihre kurative Tätigkeit am Patienten aufgeben. Bislang fehlten aber Informationen zur effektiven Zahl der ausgestiegenen Ärztinnen und Ärzte und zu den Gründen für die berufliche Neuorientierung. Diese Fragen hat nun eine vom Büro Vatter und vom Forschungsinstitut gfs.bern im Auftrag der FMH und des VSAO durchgeführte Studie untersucht.Dabei ergab die Studie, dass der Anteil der Ärztinnen und Ärzte, welche nicht mehr kurativ am Patienten tätig sind, zwischen 8,4 und 12,9 Prozent liegt. Das bedeutet, dass etwa 80 der rund 800 pro Jahr ausgebildeten Ärzte im Erwerbsalter die kurative Tätigkeit aufgeben. Der Analyse zufolge ist unter den Frauen der Anteil der nicht mehr kurativen Tätigen etwas höher als unter den Männern. Je nach Szenario liegt die Quote bei den Frauen 1,2 bis 1,6 Mal über derjenigen der Männer. Für die grosse Mehrheit ist der Ausstieg aus der kurativen Tätigkeit definitiv – gerade etwa jeder Zehnte dieser Aussteiger hält es für eher oder sehr wahrscheinlich, wieder in den Arztberuf zurückzukehren.Die nicht mehr kurativ tätige Ärzteschaft gibt für ihren Ausstieg vorzugsweise Gründe an, die eng mit der ärztlich kurativen Arbeitssituation zusammenhängen. Das Arbeitspensum und die Arbeitszeiten werden mit Abstand am häufigsten genannt: Jeder dritte Arzt bezeichnet diesen Punkt als einen der drei wichtigsten Gründe für die Berufsaufgabe. Die Vereinbarkeit der ärztlichen Tätigkeit mit der Kinderbetreuung und die Arbeitsinhalte selbst werden von gut jeder fünften ausgestiegenen Person vorgebracht. Auch der nächste Faktor, das Anforderungsniveau (16%), bezieht sich auf die Arbeit selbst. Erst danach folgen anders gelagerte Gründe wie die Gesundheit, die Neuorientierung oder der vorzeitige Ruhestand.Damit Ärztinnen und Ärzte ihre Tätigkeit am Patienten weiterverfolgen und nicht frühzeitig aussteigen, stehen aus Sicht der FMH und des VSAO folgende Massnahmen im Vordergrund:

  • Schaffung von zeitgemässen Arbeitsbedingungen: Die Arbeitspensen und die Einsatzzeiten sind attraktiver zu gestalten. Zudem müssen Teilzeitstellen in allen Bereichen und Hierarchiestufen sowie betriebsnahe Kinderbetreuungsplätze mit genügend langen Öffnungszeiten geschaffen werden, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern.
  • Reduktion des administrativen Aufwands: Die administrative Belastung der Ärztinnen und Ärzte hat sowohl im Spital als auch in der Praxis in den vergangenen Jahren laufend zugenommen. Mit einer Reduktion des administrativen Aufwands stehen die Zeit mit dem Patienten und damit auch die sinnstiftenden Arbeitsinhalte wieder stärker im Mittelpunkt – die Attraktivität des Arztberufs kann dadurch gesteigert werden.
  • Sensibilisierung während der gesamten Laufbahn: Bereits die angehenden Ärzte müssen in der Ausbildung auf die verschiedenen Herausforderungen des Arztberufs vorbereitet werden. Dieser Thematik ist auch in der Weiter- und Fortbildung weiterzuführen.