Ärztliche Grundversorger sind zufrieden

Ärztliche Grundversorger sind zufrieden, warnen aber vor zu vielen unnötigen Leistunge

Bern, 08.12.2015 - Die Grundversorger in der Schweiz sind mit dem Gesundheitssystem und ihrer Tätigkeit im internationalen Vergleich überdurchschnittlich zufrieden. Dies geht aus einer Umfrage hervor, die unter der Schirmherrschaft des Commonwealth Fund in elf Ländern durchgeführt und in Washington präsentiert wurde. Die Grundversorger äussern auch Bedenken; sie monieren unter anderem, dass in der Schweiz zu viele und unnötige medizinische Leistungen erbracht würden. Das Thema Fehlversorgung ist Gegenstand der dritten nationalen Konferenz Gesundheit2020, die im Februar 2016 stattfindet.

Der Commonwealth Fund lässt alle drei Jahre eine Befragung der Grundversorger in elf Ländern durchführen, darunter auch in der Schweiz. Bei den befragten Grundversorgern erhält das Schweizerische Gesundheitssystem dabei gute Noten. 54 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass das System grundsätzlich gut funktioniert. Für 44 Prozent wären Anpassungen nötig. Damit steht die Schweiz zusammen mit Norwegen und Neuseeland an der Spitze. Die Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem generell, aber auch mit der eigenen Praxistätigkeit (86 Prozent) und dem Einkommen (72 Prozent) hat gegenüber der Befragung 2012 (84 Prozent bzw. 57 Prozent) nochmals zugenommen. Vier von fünf Grundversorger (79 Prozent) zeigen sich aber unzufrieden darüber, dass sie im Vergleich mit den Spezialärztinnen und -ärzten deutlich weniger verdienen.

Beim Zugang der Patientinnen und Patienten zu medizinischen Leistungen nimmt die Schweiz international die Spitzenposition ein. Die Wartezeiten in der Schweiz sind vergleichsweise gering; 85 Prozent der Ärzte sagen, dass die Mehrheit ihrer Patienten einen Termin bereits am selben oder am nächsten Tag bekommen. Damit liegt die Schweiz an erster Stelle vor Deutschland und Neuseeland. Positiv bewerten die Grundversorger auch die Zusammenarbeit mit den Spezialärzten: 95 Prozent der Grundversorger erhalten vom Spezialisten alle relevanten Gesundheitsinformationen. Verbesserungsbedarf besteht in der Koordination mit den Spitälern; hier monieren 12 Prozent der Befragten, dass sie „manchmal“ oder „selten oder nie“ (6 Prozent) benachrichtigt worden seien, wenn Ihr Patient oder ihre Patientin in der Notfallaufnahme war. Fast jeder zehnte Grundversorger in der Schweiz wartet mindestens 15 Tage auf Informationen aus dem Spital, um mit der Behandlung des Patienten – einschliesslich der empfohlenen Nachsorge – fortfahren zu können.

Zunehmend kritisch äussern sich die Grundversorger zur Menge der medizinischen Leistungen, die erbracht werden. In der Umfrage wurden sie gebeten, die gesamte medizinische Versorgung ihrer Patienten anzusehen und zu beurteilen, ob der Umfang der Leistungen gerade richtig, zu gross oder zu klein sei. 51 Prozent der Grundversorger sind der Meinung, dass in der Schweiz zu viele unnötige Leistungen durchgeführt werden gegenüber 38 Prozent vor drei Jahren.

Die internationale Umfrage bestätigt zudem einen Trend hinsichtlich der Altersstruktur der Grundversorger: Fast 30 Prozent der Grundversorgerinnen und Grundversorger in der Schweiz sind 60 Jahre alt oder älter. Nur gerade ein Fünftel aller Grundversorger ist jünger als 45 Jahre. Damit zeichnet sich für die kommenden Jahre ein deutlicher Mangel an ärztlichen Grundversorgern ab. Der Bund hat mit dem Masterplan Hausarztmedizin bereits erste wichtige Schritte zur Stärkung der medizinischen Grundversorgung gemacht, etwa mit der Aufnahme von Aus- und Weiterbildungszielen in die Ärzteausbildung, aber auch mit einer Anpassung im Ärztetarif (TARMED), mit der Leistungen der Grundversorger besser abgegolten werden. Weiter hat der Bundesrat in Aussicht gestellt, mit zusätzlichen finanziellen Mitteln in den kommenden Jahren mehr Ärzte und Ärztinnen auszubilden. Zudem wurde ein Forum medizinische Grundversorgung lanciert, in dem aktuelle Fragestellungen auf diesem Sektor diskutiert werden.
 
Gesundheit2020
Um die Schwachstellen im Schweizer Gesundheitssystem anzugehen, hat der Bundesrat in seiner Anfang 2013 verabschiedeten gesundheitspolitischen Strategie Gesundheit2020 eine Reihe von Massnahmen vorgezeichnet. Ein zentraler Pfeiler ist die Förderung der koordinierten Versorgung und die Vermeidung unnötiger oder unzweckmässiger Behandlungsformen. Die dritte nationale Konferenz Gesundheit2020 am 1. Februar 2016 wird das Thema der Fehlversorgung, also nicht angemessene medizinische und pflegerische Leistungen, ins Zentrum stellen.

Die Schweiz nimmt seit 2010 an der internationalen Befragung des Commonwealth Fund zur Gesundheitsversorgung teil. Die Resultate der diesjährigen internationalen Befragung werden an einem Ministertreffen des Commonwealth Fund zwischen dem 7. und 9. Dezember 2015 in Washington diskutiert. Der Commonwealth Fund ist eine private, nicht-gewinnorientierte Stiftung, die die Förderung gut funktionierender und effizienter Gesundheitssysteme mit besserem Zugang zur Krankenversicherung und die Qualitätsverbesserung der Leistungen zum Ziel hat. Die Schweizer Delegation ist am Treffen durch BAG-Direktor Pascal Strupler vertreten.
An der Erhebung 2015 «International Health Policy Survey» des Commonwealth Fund, New York (USA), beteiligten sich neben Australien, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Kanada, Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Schweden und den USA auch die Schweiz. Befragt wurden in der Schweiz im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit BAG und der Ärztevereinigung FMH total 1065 Ärztinnen und Ärzte in den drei grossen Sprachregionen der Schweiz.